Die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)

Wenn ein Kind im Kindergarten oder in der Schule durch seine Aussprache oder sein Verhalten auffällig wird, kann es sein, dass es sich hierbei um eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) handelt. Auch Erwachsene können von AVWS betroffen sein, das Wissen hierüber ist allerdings noch sehr lückenhaft.

Was ist eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)?

Eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (kurz: AVWS) ist eine Störung der Weiterverarbeitung akustischer Informationen. Töne, Geräusche und gesprochene Wörter werden von dem Hörnerv an das Großhirn weitergeleitet und dort weiter verarbeitet. Dazu gehört das beidseitige (dichotische) Hören und auch die Lokalisation des Geräusches, also die Feststellung, aus welcher Richtung das Geräusch kommt und wie weit entfernt die Schallquelle ist. Außerdem finden hier die Unterscheidung (Diskrimination) verschiedener Geräusche und das Filtern bestimmter einzelner Geräusche (Selektion) statt. Die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) kann alle diese Bereiche der Weiterverarbeitung unterschiedlich stark betreffen.

Andere Bezeichnungen

Die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) wird manchmal auch Auditive Verarbeitungsstörung (AVS) genannt. Daneben gibt es noch weitere ähnliche Bezeichnungen wie Zentrale auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (ZAVWS), Auditive Verarbeitungsstörung, Zentrale Hörwahrnehmungsstörung oder zentral auditive Wahrnehmungsstörung. In manchen nicht-wissenschaftlichen Schriften finden sich auch die Bezeichnungen Rezeptive Hörstörung, Psychogene Hörstörung, Worttaubheit oder Seelentaubheit.

Häufigkeit von AVWS

AVWS treten bei ungefähr 2 bis 3 % aller Kinder auf, wobei Jungen doppelt so häufig betroffen sind wie Mädchen. Oft zeigen die Betroffenen noch weitere Auffälligkeiten wie zum Beispiel Sprachstörungen. Es ist jedoch nicht eindeutig geklärt, ob beide Probleme zu demselben Störungsbild (zum Beispiel einer Sprachentwicklungsstörung) gehören oder jeweils als eigenständiges Problem zu betrachten sind. Bei älteren Erwachsenen sind etwa 10 bis 20 % von AVWS betroffen.

Ursachen von AVWS

Die Ursachen einer AVWS liegen nicht im Hörorgan (Ohr) selbst und auch die Intelligenz hat mit der Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung nichts zu tun. Welche Ursachen eine AVWS hat, lässt sich allerdings oft nur vermuten und nur schwer nachweisen. Wissenschaftler diskutieren eine ganze Reihe von möglichen Ursachen, die sowohl medizinische Faktoren als auch Umweltfaktoren betreffen.

Medizinische und umweltbezogene Ursachen

Als medizinische Risikofaktoren für AVWS gelten zum Beispiel genetische Faktoren oder neurologische Ursachen wie Hirnschäden oder Verzögerungen der Hirnreifung im frühen Kindesalter. Darüber hinaus können organische Faktoren wie häufige oder lang andauernde Mittelohrentzündungen in früher Kindheit ebenfalls eine AVWS begünstigen. Auch bestimmte Umweltfaktoren können das Risiko für eine AVWS erhöhen wie zum Beispiel zu wenig Kommunikation mit dem Kind oder - im Gegenteil - ein Überangebot an sprachlichen Reizen, dem ein Kind zum Beispiel durch zu starken Medienkonsum ausgesetzt ist.

Diagnose einer AVWS

Die Diagnose einer AVWS erfolgt anhand der Symptome, die Ihr Kind zeigt oder an denen Sie leiden und den Ergebnissen spezieller Hörtests, die von Spezialisten durchgeführt werden.

Symptome

Eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung zeigt sich meistens zuerst im Verhalten der betroffenen Kinder. Sie wirken oft zerstreut oder unkonzentriert, können sich sprachliche Anweisungen oder Aufgaben, aber auch Reime nicht gut merken. Betroffene verwechseln häufig Laute, die ähnlich klingen und das sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben. Sie haben Schwierigkeiten, den Ursprungsort eines Geräuschs zu lokalisieren, werden schnell unruhig und lassen sich leicht ablenken. In der Schule zeigen Kinder mit AVWS Anzeichen von Ermüdung und Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, vor allem, wenn im Klassenzimmer eine erhöhte Lautstärke herrscht. Nicht selten entwickeln sie eine Lese-/Rechtschreibstörung und ihre Leistungen fallen ab. Je nachdem, welche Teilbereiche der Weiterverarbeitung besonders von der AVWS betroffen sind, zeigen sich darüber hinaus verschiedene spezifische Probleme. Wenn Ihr Kind beispielsweise an einer Störung der Geräuschselektion leidet, kann es bestimmte Informationen aus einer Vielzahl von Geräuschen nicht mehr herausfiltern. Leidet es dagegen an einer Diskriminationsstörung, fällt es ihm schwer, ähnliche Laute oder Silben voneinander zu unterscheiden wie zum Beispiel "po" und "bo".

Audiometrische Testverfahren

Um eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) zu diagnostizieren, ist es zunächst erforderlich, andere Erkrankungen wie eine Schädigung des Hörorgans auszuschließen. Auch müssen Intelligenz und Aufmerksamkeitsleistungen außerhalb des Hörens unauffällig sein. Wenn dies der Fall ist, werden die bestehenden Symptome der AVWS ausführlich dokumentiert und verschiedene audiometrische Verfahren (Hörtests) durchgeführt. Da die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung ganz unterschiedliche Bereiche betreffen kann, müssen mehrere Tests durchgeführt werden, um einen Gesamteindruck des vorliegenden Störungsbildes zu erhalten. Eine genauere Untersuchung der AVWS mit entsprechender Testung erfolgt in der Regel bei einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder in einem auf solche Störungen spezialisierten medizinischen Zentrum. Auch die Hinzuziehung eines Logopäden kann bei dem Verdacht auf AVWS hilfreich sein.

Behandlung der AVWS

Die Behandlung der AVWS besteht im Wesentlichen darin, die betroffenen Teilbereiche durch spezielle Übungen zu trainieren. Diese Übungen werden meistens im Rahmen einer logopädischen Therapie durchgeführt und betreffen typischerweise die Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit des betroffenen Kindes. So werden die Kinder für bestimmte Hörsituationen sensibilisiert und lernen, wie sie sich bestimmte Geräusche oder auch Wörter merken können - und zwar in der richtigen Reihenfolge. Falls die entsprechenden Teilbereiche betroffen sind, gibt es unter anderem weitere Übungen zur

  • Identifikation (was ist das für ein Geräusch?)
  • Lokalisation (wo kommt das Geräusch her?)
  • Separation (welches Geräusch höre ich links und welches rechts?)
  • Selektion (welches Geräusch höre ich aus einer Geräuschkulisse heraus?)

Wenn sich die auditive Verarbeitung durch diese oder andere Übungen verbessert, so wirkt sich dies auch positiv auf andere Leistungsbereiche aus wie die allgemeine Konzentrationsfähigkeit, die Aussprache von Silben und Wörtern, die Grammatik von Sätzen bis hin zum Lesen und Schreiben. Neben der eigentlichen AVWS-Therapie ist es wichtig, dass Sie als Eltern oder Angehörige in die Behandlung eingebunden werden und über die Störung umfassend informiert und beraten werden. Die Kosten für eine AVWS-Therapie werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, sofern diese von einem HNO-Arzt, Kinderarzt, Audiologen oder anderen Spezialisten verordnet wurde. Erwachsene AVWS-Patienten über 18 Jahre müssen üblicherweise eine Zuzahlung leisten.